Anmerkungen zu

Gesine Palmer: Apokalyptische Müdigkeit

 

[1] Jesajah 40,31.

[2] Amos 5,18.

[3] Immanuel Kant, "Das Ende aller Dinge", WA XI, Frankfurt a.M. 1977, 173-190, 185.

[4] Franz Rosenzweig, Der Stern der Erlösung, Frankfurt/M. 1988, S. 4: "Der Mensch soll die Angst des Irdischen nicht von sich werfen; er soll in der Furcht des Todes — bleiben. Er soll bleiben. Er soll also nichts andres, als was er schon will: bleiben."

[5] Alle Bibelübersetzungen nach Vinzenz Hamp und Meinhard Stenzel, Aschaffenburg(15) 1963.

[6] TB Sanhedrin 98b. Ich verdanke den Hinweis auf diese wichtige Stelle Almuth Bruckstein, die sie zusammen mit anderen, vornehmlich dem Maimonides entnommenen Passagen zum Messianismus diskutiert in: Moses Maimonides: Jüdische Kritik am Mythos der Endzeit, vorläufig noch unveröffentlichtes Vortragsmanuskript. Ich danke Almuth Bruckstein für die Erlaubnis, ihr Manuskript zu benutzen, und für sehr anregende Gespräche zum Thema.

[7] 4 Esra ist überliefert in Griechisch (nur wenige Fragmente), Lateinisch, Armenisch, Syrisch, Arabisch, Georgisch (ebenfalls fragmentarisch, aber umfangreicher als die griechischen Fragmente), Äthiopisch und Sahidisch (ein Fragment). Man geht aber, wegen der vielen Hebraismen von einer hebräischen bzw. aramäischen Erstfassung aus, diese sind vor allem bei Emil Kautzsch geschickt rekonstruiert. Zur kürzesten Einführung vgl. neuerdings die Internetseite von Thomas Knittel von der Universität Leipzig, im übrigen nach wie vor unverzichtbar die deutsche Übersetzung von Kautzsch, in Emil Kautzsch, Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testamentes, Tübingen 1900, Bd. II.

[8] "Im 30. Jahr nach der Zerstörung der Stadt" (3,1; vgl. auch 3,29). Die Adlervision (5. Vision) soll nach dem Tode Kaiser Domitians (96 p.C.) entstanden sein.

[9] 4. Esra 4,23f, Übersetzg. von Emil Kautzsch, Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testamentes, Tübingen 1900, Bd. II, 356f.

[10] Die Vorstellung, daß ein Volk sich auflöse, wenn seine geschriebenen Satzungen nicht mehr gelten, ist der Antike selbstverständlich. Der berühmteste Satz dazu dürfte der aus Ciceros De re publica (I,25,39) sein: ">Est igitur<, inquit Africanus, >res publica res populi, populus autem non omnis hominum coetus quoquo modo congregatus, sed coetus multitudinis iuris consensu et utilitatis communione sociatus<" (>Es ist also<, sagte Africanus >das Gemeinwesen eine Sache des Volkes, ein Volk aber nicht jede irgendwie zusammengescharte Ansammlung von Menschen, sondern ein in der Anerkennung des Rechts und der Gemeinsamkeit des Nutzens zu einer Gesellschaft Zusammengehen einer Menge<).

[11] 4.Esra 4, 26f.

[12] Die Alternative Kranksein (infirmetur)/Erkennen (intellegat) in den Übersetzungen kommt nach Kautzsch durch eine Verwechslung von noseo und noeo zustande. Das Problem der Stellvertretung ist vielleicht das wichtigste Problem zwischen Christen und Juden. Dabei spielen Übersetzungen eine große Rolle. Jesaja, dessen Eved JHWH immer als Prototyp des stellvertretend Leidenden herangezogen wird, ist nicht an allen Stellen eindeutig. Soweit ich sehen kann, ist etwa Jes. 53,10 keineswegs zwingend in einem stellvertretenden Sinne zu verstehen. Die stärkste Berufung auf prophetische Texte gegen den Gedanken der Stellvertretung und gegen das Opfern findet man immer noch in Hermann Cohens Interpretation von Ez 18, vgl. Ders., Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums, 2. Aufl. Darmstadt 1988, Kap.XI (208-251). Eine Diskussion von Janowskis Ansätzen zu einer Rehabilitierung des Stellevertretngsgedankens müßte mit einer Neuinterpretation der Gottesknechtlieder beginnen.

[13] 4. Esra 77, 112f.

[14] Tatsächlich ist hier sozusagen ein anderes Einfallstor für die Rechtfertigung des Bösen: Es hat eine notwendige Stelle in jedem System, das Erbarmen denken will. Diese Stelle ist vielleicht ebenso wichtig wie die Stelle, die für das Böse vorgesehen sein muß, wenn man die Entscheidung zum Guten als eine freie denken will (weshalb in Kants Schrift über Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft das böse Prinzip so einen wichtigen Platz einnimmt).

[15] 4.Esra 7, 116f. Das ist wohl auch eine Anspielung auf Hiobs Klage, dass es besser wäre, nicht geboren zu sein. Theologen haben darin immer den ersten Zweifel an dem gesehen, was sie den "Tun-Ergehens-Zusammenhang" nennen. Denn Hiob beharrt darauf, dass er für seine Leiden nicht verantwortlich sei. Für den 4. Esra könnte man nun sagen, der "TEZ" sei nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben und insofern wieder hergestellt. Lohn und Strafe für irdisches Handeln werden zwar nicht in dieser Welt vergeben, aber doch in der kommenden. Das greift aber zu kurz. Denn während bei Hiob noch die offenkundige Ungerechtigkeit des Leidens die Zweifel am Wert des Geborenseins begründet, ist es beim Autor des 4. Esra Buches gerade die Vorstellung der ins Extrem getriebenen letzten Gerechtigkeit, die den entsprechenden Zweifel hervorruft.

[16] Kant a.a.O., s. Anm. 3, S. 176.

[17] Kant, a.a.O., 183f.

[18] Kant, a.a.O., 184.

[19] Aus diesem Grund wohl hat Cicero bedauert, daß man zu seiner Zeit nicht mehr die zwölf Tafeln auswendig lernte, und aus demselben Grund wurden die Juden im Imperium Romanum auch von manchen Gebildeten bewundert und beneidet: sie hatten so etwas wie ein "ewiges Gesetz", das sie in einer ortsunabhängigen Liturgie am Leben erhielten.

[20] Das läßt sich vielleicht am besten anschaulich machen an einem zunächst abwegig erscheinenden Beispiel, das im Januar eine größere Diskussion im judaistischen Internet-Forum textual reasoning ausgelöst hat: es ging um das Ritual des Spuckens in der Synagoge. Die Frage war, ob man dieses Ritual (ein Spucken nach einem Satz über die "Götzenanbeter" im Gebet Aleinu) ausüben und sich trotzdem für zivilisiert halten kann. Wenn man in dem Ritual eine direkte Aufforderung zum Bespucken der "Heiden" auch außerhalb der Synagoge sieht, sicherlich nicht. Wenn man es aber ansieht als einen Versuch, in präkärer Lage, als gedemütigte Minderheit, den Stolz auf die "Wahrheit" der eigenen Religion gegen ein solches Gedemütigtwerden "außerhalb" zu wahren und zugleich den damit verbundenen Überschuß an Zorn zu kanalisieren, dann ist ein solches Ritual, das selbst sowohl in der Welt als auch außerhalb der Welt stattfindet und nach Verlassen der Synagoge zivilisiertes (und das heißt: nicht unterwürfiges und nicht verletzendes) Verhalten ermöglicht, selbstverständlich mit der Selbsteinschätzung "zivilisiert" sehr gut vereinbar. Was ich damit demonstrieren will, ist die Bedeutung der Barriere, die gerade durch das Ritual zwischen der (positiven wie negativen) Normativität und der "wirklichen Welt" errichtet wird. Ohne diese kann man Konflikte nur durch Sieg oder Niederlage beenden: und schließlich kann man ohne sie kein einziges anspruchsvolleres Gesetz und überhaupt keine Normativität ertragen.

[21] Ähnlich wie der Teilnehmer am oben genanntenRitual des Spuckens danach die Synagoge wieder verläßt.

[22] Übrigens auch durch die Psychoanalyse. Aber das wäre eine eigene Arbeit wert, denn die wirkliche kulturtheoretische Leistung der Psychoanalyse wird von ihren einfachen "Anwendern" in der Religionswissenschaft (als wären Massenpsychologie und Ich-Analyse jemals dasselbe gewesen und als gingen alle religiösen Phänomene in gesetzmäßig funktionierenden psychischen Konflikten auf) genauso unterschätzt wie von ihren Verächtern (die in ihren Geschichtsschreibungen niemals ohne psychoanalytisches Vokabular auskommen, das durch seinen theoriefernen Gebrauch - etwa in der pseudoobjektiven Rede von "Judaeophobie" - nicht erklärungskräftiger wird).

[23] Kant, a.a.O., 187.

[24] Zitiert nach Almuth Bruckstein (s.o.) aus: Raphael Patai, The Messiah Texts — Jewish Legends of Three Thousand Years, (Detroit: Wayne State University Press, 1979), xix .

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