Martin Buber in Frankfurt

Im Juli 2003 fand anläßlich des 125sten Geburtstags von Martin Buber eine Ausstellung der Martin Buber Stiftungsprofessur für jüdische Religionsphilosophie statt, die im Casino auf dem Campus Westend der Johann Wolfgang Goethe-Universität gezeigt wurde. Die folgenden Texte bieten einen Überblick der aus diesem Anlass zusammengestellten Beobachtungen zur Verbindung zwischen Martin Buber und der Stadt Frankfurt.

Aus einer Welt von gestern
1878 wurde er in Wien geboren. Von der Geburt blieb ihm ein Makel am Mund, über den er später seinen berühmten Bart wachsen liess. Die Mutter verliess ihn, als er drei Jahre alt war. So kam er nach Lvov auf den Hof seiner Grosseltern. Der Grossvater Salomon, ein weithin geachteter Bankier und Minenbesitzer, der in seiner Freizeit die ersten modernen Editionen der klassischen Midraschliteratur besorgte, nannte sich einen “Polen mosaischer Religion”. Auf dem Landgut waltete die Grossmutter, die auch für einen französischen Hauslehrer sorgte. In der Rede zu seiner Bar Mizvah besprach er ein Gedicht von Schiller, dessen Bedeutung er auf den hebräischen Wochenabschnitt bezog. Er besuchte ein polnisches Gymnasium, studierte Kunstgeschichte und andere Fächer in Wien, Leipzig, Zürich und Berlin. Dann heiratete er Paula Winkler, eine Nichtjüdin. Ein Skandal. In ihren Briefen nannten sie sich “Maugli”. Für ihn war sie die Mutter, die er nie gekannt hatte.


Zionist
Aus dem träumerisch literarischen Gelehrtenleben weckte ihn der Zionismus Theodor Herzls. Im Jahr 1901 (???) ernannte ihn Herzl zum Redakteur des Organs des zionistischen Weltkongresses, “Die Welt”. Bald jedoch legte Buber dieses Amt ab und nahm einen ihm angemesseneren Platz als Sprecher der kulturzionistischen Opposition ein. Voll Enthusiasmus entwirft er Programme, die sich zum Teil erst viel später verwirklichen lassen: der Jüdische Verlag wird sofort begründet, die Monatsschrift der Jude erscheint seit 1916, die Hebräische Universität nimmt ihre Tätigkeit Mitte der 20er Jahre auf. Mit dreiundzwanzig Jahren zieht er sich unvermittelt aus der aktiven Politik zurück, erschöpft von den Richtungskämpfen zwischen Nordaus “Muskeljudentum” und dem Kulturzionismus Achad Haams. Erst nach dem Ersten Weltkrieg besucht Buber den zionistischen Kongress wieder, diesmal als Delegierter des sozialistischen Haschomer Hazair. Wieder ist Buber in der Opposition, diesmal als Gegner einer Bewaffnung der Siedlergemeinschaft.


Literat
Als der junge Dr. Mordecai Martin Buber, Schüler Wilhelm Diltheys und Georg Simmels, 1904 als Lektor, Herausgeber und Autor in die Frankfurter Literarische Verlagsanstalt Rütten & Loening eintrat, war die von dieser unter ihren vor allem jüdischen Lesern populäre Goethebegeisterung bereits abgeklungen und der junge Verlagsleiter, Wilhelm Ernst Oswalt suchte nach einem neuen Programm. Buber kam wie gerufen. Sein bedeutendstes Projekt war eine vierzigbändige Sammlung sozialpsychologischer Monographien unter demTitel “Die Gesellschaft”. Unter den Autoren finden sich Werner Sombart, Georg Simmel, Gustav Landauer, Eduard Bernstein und viele andere. Aus den zeitgenössischen Pressestimmen geht hervor, wie neuartig und erfrischend man diese Serie damals empfand. Daneben tritt Buber als Autor in Erscheinung. Bei Rütten & Loening erscheinen u.a. die ersten Nachdichtung chassidischer Geschichten, für die Buber bis heute geschätzt wird. Die Vorlagen hierzu liefert der Grossvater, den letzten poetischen Schliff verleiht ihnen Paula, die ihre eignen Werke unter dem Pseudonym Georg Munk veröffentlichte.

Orakel, Philosoph, Lehrer, Wissenschaftler
1916 zieht es den achtundreissigjährigen Gelehrten und seine Familie aufs Land. Aus dem “Zaddik von Zehlendorf” wird der “Zaddik aus Heppenheim” (Scholem). Der nun schon weithin geachtete Redner über das Judentum wurde während des Weltkrieges für viele junge Juden im Felde zum “Orakel” (Buber über Buber), an das sie sich in ratsuchenden Briefen wandten, ihres Patriotismus nicht mehr gewiss. Für ihn selbst beginnt damals der Übergang “von der Mystik zum Dialog” (Mendes-Flohr). 1919 wird der Freund Gustav Landauer ermordet. In Frankfurt, Schumannstr. 10, findet Buber neue Freundschaft. Der Religionsphilosoph Franz Rosenzweig war wie Landauer jemand, der der Versuchung widerstand, den “berühmten Buber” (Husserl) bloß zu bewundern. Begegnung braucht Andersheit, Widerstand, und doch Respekt. 1923 entsteht Ich und Du. Rosenzweig holt Buber aus der literarischen Reserve, macht ihn zum Lehrer; erst am Freien jüdischen Lehrhaus, dann auch an der Universität Frankfurt, wo Buber bis 1933 unterrichtet. In den 20er Jahren beginnt Buber mit Rosenzweig die bis heute vielgelesene Verdeutschung der Schrift, die von theoretischen Arbeiten zur Übersetzung und Bibelwissenschaft begleitet sind. Indessen wieder in die zionistische Politik zurückgekehrt treibt ihn die Bemühung um den Erhalt des idealistischen Kerns der Bewegung, den er vor allem durch den Ruf nach einer Bewaffnung der Siedler gefährdet sieht. Buber, der wie viele andere der Kriegsbegeisterung von 1914 zum Opfer gefallen war, von der ihn der Pazifist Landauer erst kurieren musste, widmete sich den Rest seines Lebens dem Versuch, anderen denselben Dienst zu tun. Auch als Zionist ist Buber fortan Prophet des Humanen als der eigentlichen Berufung Israels unter den Völkern.

Erwachsenenbildner im Untergang
Nach der Zwangsemeritierung im November 1933 aufgrund des “Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” begründet Buber das Lehrhaus erneut, aber nun auf nationaler Ebene, in der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung. “Aufbau im Untergang” nannte dies später sein engster Schüler und Mitarbeiter, Ernst Simon. Gleichzeitig setzt er die Bemühung um einen Lehrauftrag an der einst von ihm miterdachten Hebräischen Universität in Jerusalem fort, deren Fakultät sich lange gegen den notorischen Pazifisten und “garantierten Apikores” (Rosenzweig) sperrt. 1937 findet man einen Kompromiss, der beide Seiten befriedigt: Buber soll zwar nicht Religionswissenschaft, dafür aber Sozialwissenschaft und Pädagogik unterrichten dürfen. Am 9. November 1938, der Reichspogromnacht, wird das Heppenheimer Haus der Bubers verwüstet, seine Bibliothek zerstört. An eine Rückkehr aus Palästina ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Was Buber hinterläßt, ist die Frucht der Frankfurter Jahre: die mit Rosenzweig begonnene Verdeutschung der Schrift, Schriften über Bibel und Bibelübersetzung, die Vielzahl der kleinen Bände für den Schocken Verlag, Reden, Aufsätze und Werke über Judentum, Chassidismus und Philosophie.

Nachspiel
Daß die Ausstellung damit nicht enden muß, ist einerseits Buber und andererseits denjenigen zu verdanken, die im Nachkriegsdeutschland Zeichen der Erneuerung setzten. In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1953 nahm Buber nicht nur den Dank und die Verehrung seiner deutschen Schüler, Freunde und Verleger entgegen, sondern sprach diesem Neuanfang seine ausdrückliche Anerkennung aus. “In Deutschland,” sagte Buber, habe “die Erinnerung an die 12jährige Herrschaft des homo contra-humanus … den Geist wacher und des ihm als Geist aufgetragenen Werkes bewusster gemacht, als er vordem war.”


Zur Ausstellung
Zionist, Literat, Orakel, Philosoph, Lehrer, Wissenschaftler und Erwachsenenbildner – die blosse Aufzählung trennt, was für den Menschen Martin Buber nicht so fein voneinander unterschieden war. Der ganze Buber ist mehr als der Schrifsteller, Politiker, Pädagoge oder dialogische Denker, eben so, wie der Mensch immer mehr ist als das, was er tut. Trotzdem haben wir diesen Menschen nur in den spezifischen Momenten seiner Werke, und da haben wir ihn ganz.

Die Ausstellung bot Ausschnitte aus einem langen, wirksamen Leben. Der lokalgeschichtliche Rahmen sollte dabei die Ausrichtung auf das Humane im Werk Bubers nicht verstellen sondern dazu verhelfen, diese in konkreten Bezügen wahrzunehmen. Das Wirken Bubers in der Frankfurter Zeit wirft Licht auch auf die Stätte seines Wirkens, das Frankfurt des frühen 20sten Jahrhunderts, das nicht zuletzt durch die Anwesenheit Bubers ein Zentrum der jüdischen Erneuerungsbewegung war.

Wer sich im 125sten Jahr nach seiner Geburt und 50 Jahre nach der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels Bubers wieder erinnern will, kann aber gerade dann nicht bei solchen biographischen und historischen Betrachtungen stehenbleiben, wenn er Bubers Gegenwartsbezogenheit, d.h., seiner Betonung situativer Verantwortlichkeit, gerecht werden will. Zweifelsohne besteht heute Interesse an Buber. An die Stelle der mehrfachen von Buber selbst noch betreuten Editionen seiner Werke und deren Nachdruck tritt erst jetzt eine kritische Gesamtausgabe des Gütersloher Verlagshauses, an der viele jüngere Wissenschaftler aus Europa und Übersee mitarbeiten. Die von Buber und Rosenzweig begonnene und von Buber erst nach dem Zweiten Weltkrieg vollendete Verdeutschung der Schrift gehört zu den verbreitetsten deutschen Bibelübersetzungen. Anregungen der Dialogphilosophie Bubers sind Gemeinplätze vieler humanwissenschaftlicher Disziplinen, von der Pädagogik zur Psychoanalyse.


“Martin Buber in Frankfurt” Leitung: Professor Dr. Michael Zank, Martin-Buber-Stiftungsgastprofessor an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt (2002-03). Die Ausstellung stand unter der Schirmherrschaft der OB der Stadt Frankfurt Petra Roth und wurde gefördert vom Amt für Wissenschaft und Kunst sowie durch das Gütersloher Verlagshaus. Vorbereitungsteam: Fritz Backhaus (Jüdisches Museum Frankfurt), Rachel Heuberger (StUB Frankfurt), Michael Maaser (Universitätsarchiv), Harald Jost (Martin-Buber-Gesellschaft, Heppenheim/Bergstrasse), Thomas Miertschischk (Wiss. Mitarbeiter der Martin-Buber-Stiftungsprofessur). Graphische Gestaltung: Tomaso Carnetto und Studenten der Frankfurter Akademie für Kommunikation und Design. Weitere Unterstützung durch Hermann Staub, Archiv und Bibliothek des Börsenvereins des deutschen Buchhandels.

Weiterführende Literatur: http://plato.stanford.edu/entries/buber/