1 Im ersten Entwurf war hier von "fremdem Kulturgut" die Rede. Dieter Adelmann wies mich darauf hin, daß der Ausdruck der "Fremdheit" hier mißverständlich sein könnte. Im Deutschen weist Fremdheit auf den Widerstand gegen Assimilation hin, während im Hebräischen und jüdischen Denken der "Fremde" (ger) schon potentiell der "Beisasse" ist und also mit der Zeit in das Eigene miteingeliebt werden und sich einleben kann. Dies drückt sich etwa im biblischen Buch Ruth aus und begründet die im rabbinischen Judentum gepflegte Praxis der Konversion. Im Gegensatz zum "Fremden" erlaubt es das wertneutral "Andere", einen Unterschied auch dann aufrechtzuerhalten, wenn man das Eine und das Andere zusammenzubringen versucht.
2 Hier muß noch weiter nachgedacht werden: Was bedeutet der Verlust an Mehrsprachigkeit, der mit dieser Eindeutschung einhergeht? Was bedeutet es für den jüdischen Humor? Ohne Sinn für die Dialektik von Fremdheit und Behausung, ohne Exilbewußtsein, also, geht nicht eine wesentliche Voraussetzung jüdischer Kreativität verloren? Geht ohne Esoterik (der Sprache, der Gebärde, des philosophischen oder offenbarungsreligiösen Bewußtseins) nicht aller Sinn der Heiligkeit verloren? Oder finden sich hier Momente, die der johanneischen Transformation der Weltlichkeit in den Ort des Heiligen im Sinne Ehrenbergs und Rosenzweigs (nach Joachim von Fiore) entsprechen? Womöglich eine lurianisch-sabatianische Variante, von der aus "die andere Seite" als der Ort der Erlösung verstanden werden muß?