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MUSEUM REVIEW

"Gott weiblich - Eine verborgene Seite des biblischen Gottes."

Ausstellung im Museum für sakrale Kunst, Jesuitenkirche, Heidelberg
10. Oktober – 19. Dezember 2010

Olaf Rölver, Lehrstuhl Alttestamentliche Wissenschaften, Universität Bamberg

Herkunft
Die Ausstellung »Gott weiblich – eine verborgene Seite des biblischen Gottes« ist eine ausleihbare Wanderausstellung, die bislang im Museum für Kunst und Geschichte in Fribourg, Schweiz (2007/2008), in den Diözesanmuseen in Rottenburg (2008) und Bamberg (2010) sowie im Museum für sakrale Kunst und Liturgie (Jesuitenkirche) in Heidelberg [bis 19.12.2010] zu sehen war. Sie basiert auf der Sammlung des Projekts Bibel + Orient Museum in Fribourg, wurde von Prof. Dr. Othmar Keel konzipiert und wird von ihm und dem Projektleiter des Museums, Dr. Thomas Staubli, kuratiert.

Ziel
Die Ausstellung hat vorrangig ein theologisches Anliegen: Gegen die vorherrschende Rede von Gott als ›Vater‹ und ›Herr‹ will sie deutlich machen, dass die Bilder, die sich Christen in der Regel von Gott machen, im Blick auf das Geschlecht Gottes eine Schlagseite haben. Gott sei jedoch nicht einseitig und exklusiv männlich vorzustellen, sondern auch weibliche Seiten müssten in jene menschlichen Annäherungsversuche an eine Vorstellung des Göttlichen integriert werden (Abb. 1).

Abbildung 1
Solche üppigen anthropomorphen Frauenfigurinen sind Symbol für die Fruchtbarkeit des Landes und des Lebens von Mensch und Tier. Mit der Sesshaftwerdung und dem Beginn des Ackerbaus wird dies zum entscheidenden Aspekt menschlichen Lebens, der göttlichen Schutzes bedurfte.
Gebrannte Tonfigur der Halaf-Kultur, Nordsyrien. Keramisches Neolithikum, 6400-5800 v. Chr. Höhe 7,6 cm, Reste von Bemalung.
© Bible&Orient Museum an der Universität Fribourg

Innerhalb kirchlicher Diskurse legt die Ausstellung damit auch provozierend einen Finger auf die Wunde der nach wie vor existierenden Geschlechterungleichheit.

Exponate
Zu sehen sind ca. 250 archäologische Fundstücke, Originale und Repliken, die aus einem Zeitraum zwischen dem Neolithikum (ca. 9.000 v. Chr.) und der byzantinischen Zeit (um 500 n. Chr.) stammen. Die Fundorte erstrecken sich von Mesopotamien, über die gesamte Levante, Ägypten und Zypern bis nach Tunesien und Rom. Zum Konzept der Ausstellung gehört es, dass diese archäologischen Stücke von den ausstellenden Museen mit Exponaten regionaler Provenienz aus Mittelalter, Gegenwart und Neuzeit konfrontiert werden, die Transformationen des Göttlich-Weiblichen zum Ausdruck bringen, z.B. mit Marien- oder Heiligendarstellungen.

Gliederung
Die Ausstellung ist nicht chronologisch aufgebaut, sondern wählt bewusst einen niederschwelligen Zugang, der anthropologische Grunddaten des Weiblichen oder spezifisch weibliche Rollen ins Zentrum der Betrachtung stellt. Entsprechend tragen die 14 Kapitel Überschriften wie ›Das Haar – Inszenierung und Verhüllung‹; ›Leben und Tod: Mutterschaft und Totenklage‹; ›Fürbitterinnen‹ oder ›Jungfräulich-kämpferische Göttin‹.

Lob und Kritik
Ohne Zweifel haben die Ausstellungsmacher Fundstücke zu den wichtigsten Aspekten des Themas aus der Sicht der vorderorientalischen Archäologie zusammengestellt. Besucherinnen und Besucher begegnen u.a. steinzeitlichen Fruchtbarkeits-Matronen, mesopotamischen Idolen, den ägyptischen Göttinnen Isis, Neith, Mut, Maat und Hathor, assyrischen und akkadischen Rollsiegeln und natürlich den berühmten eisenzeitlichen Pfeilerfigurinen aus Juda (Abb. 2).

Abbildung 2
Solche Pfeilerfigurinen, höchstwahrscheinlich Darstellungen der Göttin Aschera, belegen, dass in der Königszeit neben YHWH in Juda noch eine andere, weibliche Gottheit verehrt wurde. Allein in Jerusalem, im Schatten des Tempels, wurden über 400 Exemplare gefunden. Mit der Konzentration auf nur einen Gott schoben sich später dann die männlichen Seiten Gottes immer mehr in den Vordergrund.
Judäa; Eisenzeit IIB-C, ca. 750-620 v. Chr. Gebrannter Ton, Höhe 16 cm; Reste von Bemalung.
© Bible&Orient Museum an der Universität Fribourg

Die Originalstücke aus der Sammlung des BIBEL + ORIENT MUSEUMS wurden vorsichtig und sachgemäß durch einige wenige Repliken ergänzt. Was nun zu sehen ist, ist in seiner thematischen Breite und Qualität außerhalb des Nahen Ostens nur sehr selten zu sehen und unbedingt lohnend.

Der Verzicht auf eine chronologische Einordnung und die Organisation über Themen bedeutet für Menschen ohne Vorkenntnisse einen Gewinn. Über Haare, Brüste, Geburt und Tod, Kampf oder Familie lässt sich leicht und auf vielerlei Weise ins Gespräch kommen. Diese Hermeneutik der Begegnung kennzeichnet die Ausstellung und regt dazu an, über das persönliche bzw. kirchlich geprägte Gottesbild zu reflektieren. Eine Kontextualisierung der einzelnen Fundstücke, die Rückschlüsse auf das jeweilige Verhältnis von religiöser Kultur und gesellschaftlicher Realität zuließe, wird dagegen nicht bzw. nur mit sehr kurzen Hinweisen in den jeweiligen Bildlegenden geleistet. Funde aus Ägypten stehen nun neben griechischen, mesopotamischen oder mitteleuropäischen Stücken aus dem Mittelalter. Eine Diskursgeschichte, die z.B. die Entwicklung von ursprünglich mit Fruchtbarkeit konnotierten Muttergottheiten über männliche und weibliche Gottheiten der Bronze- und Königszeiten Israels zur zunehmenden Konzentration auf einen – dann in der Regel männlich gedachten – Gott nachzeichnet, kommt so kaum in den Blick (Abb. 3).

Abbildung 3
Die ›Nackte Göttin‹ taucht in Syrien schon im 3. Jt. v. Chr. auf und verbreitet sich im 2. Jt. Mit kleinen ikonographischen Varianten im gesamten Vorderen Orient. Die schlanke Gestalt mit auffällig gestalteter Scham hat stark erotische Züge. In der Regel wird sie von Pflanzen und / oder Capriden begleitet, die für Lebensfreude, Regeneration und Fruchtbarkeit stehen und zur Sphäre der Göttin gehören.
Skarabäen und Rollsiegel sind ein zentraler Teil der in der Ausstellung gezeigten Exponate.
Skarabäus aus Palästina/Israel; Mittelbronzezeit IIB, 1700-1550 v. Chr.; Steatit, gebrannt; 1,8 cm.
© Bible&Orient Museum an der Universität Fribourg

Zugunsten der anthropologischen Grunderfahrungen wird auf eine kulturwissenschaftliche Differenzierung der unterschiedlichen religiösen Symbolwelten verzichtet. Die Kontinuität mancher ikonographischer Darstellungen (z.B. Darstellungen einer ›Himmelskönigin‹ oder der Zuordnung von Pflanzen in den Bereich der Göttin oder einer stillenden Muttergöttin) verblüfft, doch bleibt die Frage, ob mit der ähnlichen Darstellung auch jeweils Gleiches gemeint ist. Im Übrigen wird nicht ganz deutlich, wie am Ende das Gegenüber von antiken Göttinnen und Mariendarstellungen denn sachlich zu bewerten ist. Ist die Marienverehrung als geglückte Integration weiblicher Aspekte in das religiöse Symbolsystem zu sehen oder nicht doch eher ein Signal für ein defizitäres, da exklusiv männliches Gottesbild?

Die Gefahr, Weiblichkeit auf wenige Aspekte aus dem Themenkreis Sexualität und Fruchtbarkeit zu reduzieren, der in antiken Darstellungen ohne Zweifel eine dominante Rolle spielt, aber wiederum eher die männliche Perspektive widerspiegelt, wird in der Ausstellung dadurch umgangen, dass pointiert andere Rollen von Frauen thematisiert werden: die klagende Frau, die kämpfende Frau, die Frau, die das Chaos bezähmt (Abb. 4).

Abbildung 4
Je nach gesellschaftlicher Situation schieben sich bei Menschen bestimmte Bedürfnisse in den Vordergrund, die sich auch in der Darstellung ihrer Gottheiten widerspiegeln. Auch weibliche Gottheiten wie Astarte und Anat übernehmen dabei kämpferische Rollen. Original an dieser Figur ist der Kopf, Rumpf und Bekleidung sind nach dem Vorbild einer spätbronzezeitlichen Bronzefigur, die in Kamid el-Loz gefunden wurde, rekonstruiert.
Jordanien, Gegend von Amman oder südlich davon; Eisenzeit IIB, 9.-8. Jh. v. Chr. oder früher; Kopf 45 cm, Kalkstein; insgesamt lebensgroß.
© Bible&Orient Museum an der Universität Fribourg

Aus diesem Grund werden auch nicht nur Bilder von weiblichen Gottheiten gezeigt. Viele Exponate sind Frauenfigurinen, bei denen entweder fraglich ist, ob es Göttinnendarstellungen sind, oder sogar sicher, dass es keine sind. Auf diese Weise wird deutlich, wie religiöse Symbolwelten und gesellschaftliche Realitäten in einem Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit stehen.

Zu den Ausstellungen wird von den Veranstaltern jeweils ein Begleitprogramm erarbeitet, dessen Qualität jeweils von den Interessenslagen und Möglichkeiten vor Ort abhängt.

Fazit
Anhand herausragender archäologischer Fundstücke eröffnet die Ausstellung theologisch relevante Perspektiven und stellt traditionelle Plausibilitäten vehement in Frage. Mit einem auf diese Weise geschärften Blick lassen sich dann auch in biblischen Texten weibliche Seiten Gottes wiederentdecken.

Katalog
Keel, O. 2008 Gott weiblich. Eine verborgene Seite des biblischen Gottes. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.